WEST ÖSTLICHER DIWAN WEIMAR

Ausstellung in Iran und Deutschland: „Imaginäre Reise in den Orient. Goethe und sein West-oestlicher Divan“

West Östlicher Diwan Festival Weimar, Goethe-Gesellschaft Oldenburg e.V. und Landesbibliothek Oldenburg veranstalten als Kooperationspartner
vom 16. Mai bis zum 06. Juli 2019 die Ausstellung

 

Vor 200 Jahren wurde erstmals Goethes „West-oestlicher Divan“ herausgegeben. Anlässlich dieses Ereignisses wird zur Erinnerung an das Jahr 1819 am 16. Mai 2019 die Ausstellungseröffnung in Oldenburg stattfinden, mit einem Einführungsvortrag von Dr. Klaus Gallas

Imaginäre Reise in den Orient. Goethe und sein West-oestlicher Divan

(Ein kleiner Text zur Entstehung)
Schon in jungen Jahren hat sich Goethe (geboren 1749) mit dem Islam und den Koran auseinandergesetzt. Bereits mit 23 Jahren schrieb er im Herbst 1772 oder im Frühjahr 1773 einfühlsam das Dramenfragment „Mahomet“. Seine innere Anteilnahme an die Muslime und den Koran kam gleich nach den Christen und der Bibel. Goethe selbst sagte sogar 1813 bei der Ankündigung seines „Divan-Projektes“: als Verfasser lehne er „den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sei“, damit sagte er aber nicht, dass er Muslim gewesen ist. Er war Christ und Protestant! Er war aber offen für jede religiöse Färbung, hatte keine Religion verdammt, wobei der Islam und die Toleranz als Ausdruck der „Aufklärung“ seiner Zeit, die stärkste Anziehungskraft für Ihn hatte. Indische oder ganz im Osten der damaligen Welt liegende Religionen waren ihm zu wenig bekannt. Jedoch galten seit fast eintausend Jahren Muslime als Feinde Europas. Die Kreuzzüge ins „Heilige Land“ (1095 – 1291) und die Türken vor Wien (1683) sprechen eine deutliche Sprache von steten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Europa und dem Orient. Und dann die Kolonialzeit vom Ende des 15. Jahrhunderts (Kolumbus „entdeckt“ 1402 Amerika) bis zur Französischen Revolution 1797 und all die anderen fürchterlichen Ereignisse bis ins 20. Jahrhundert, sie haben bis heute tiefe Wunden in die Weltgemeinschaft geschlagen. Dabei musste Persien/Iran seit der 1794/97 gegründeten Qadjaren-Dynastie immer mehr Konzessionen mit Großbritannien und Russland eingehen. Goethe lebte genau zu dieser Zeit. Die Kriege Napoleons (*1769 – †1821), die persönliche Bekanntschaft mit Napoleon in Erfurt/Weimar, die Kolonialzeit, all das, prägten ihn, ließen aber nie Vorurteile oder eine feindliche Gesinnung dem Islam gegenüber aufkommen.

Doch warum interessierte sich Goethe so sehr für den Propheten Mohammad und den Koran, war doch der Humus für die islamische Religion seit fast eintausend Jahren nicht gerade günstig in Europa? Die erste lateinische Übersetzung des Korans (1143 durch den Abt Petrus Venerabilis aus Cluny) war zumeist verfremdet und feindlich gegenüber dem Islam gesonnen. Neben seinem Wissensdurst und ein intensives Quellen-Studium zum Koran, war es vor allem die Zeit der „Aufklärung“ und ihrem Streben nach Toleranz, die Goethe immer tiefer in die Religion des Islam eindringen ließ. Für ihn stand unumstößlich fest: der Koran und die Bibel sind zwei heilige Bücher! 1705 vollzog sich endlich ein Wandel mit der neuen Übersetzung („Interpretation“) des Niederländers Adrianus Reland (*1676 – †1718): „De religione Mohammedica“, dessen Übersetzung 1717 auch in Deutsch erschien, die Goethe intensiv studierte. Doch alle Übersetzungen des Korans sind immer nur Interpretationen, deshalb empfehlen islamischen Theologen, den Koran in der Urschrift Arabisch zu studieren. Eigentlich ist eine Koranübersetzung stets immer nur eine Interpretation des Koran-Textes! In Deutschland waren es während der Aufklärung besonders drei Männer, die die Toleranz verteidigten: Gottfried Willem Leibniz (*1646 – †1716), er gilt als Vordenker der „Aufklärung“, den Goethe aber nur wenig studiert hat; Gotthold Ephraim Lessing (*1729 – †1781), der besonders mit seinem „Nathan der Weise“ die religiöse Toleranz angesprochen hat und Johann Gottfried Herder (*1744 – †1803), ein enger Freund von Goethe. Auf Goethes Empfehlung hin wurde Herder 1776 Generalsuperintendent in Weimar. Noch heute wird die St. Peter und Paul Kirche in Weimar nach ihm benannt.


Goethe-Detail vom Goethe-Schiller Denkmal in Weimar (von Ernst Ritschel 1804-1861), © Klaus Gallas



„Goethe in der Champagne“ von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, 1787, Inv. Nr. 1157, © Städel Museum, Frankfurt am Main


Goethes Unmut über die damals gängigen Koran-Übersetzungen drückt sich besonders in seiner Kritik an die deutsche Übersetzung „Die türkische Bibel, oder der Koran" aus dem Arabischen von David Friedrich Megerlin (*1699 –†1778) aus, der den Koran als „Lügenbuch“ und Mohammed als „falschen Propheten“ bezeichnet. Am 22. Dezember 1772 schrieb Goethe in den „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“: Diese elende Produktion (damit ist das Buch von Megerlin gemeint) wird kürzer abgefertigt. Wir wünschten, daß einmal eine andere unter morgendlichem Himmel von einem Deutschen verfertigt würde, der mit allem Dichter- und Prophetengefühl in seinem Zelte den Koran läse, und Ahndungsgeist genug hätte, das Ganze zu umfassen…“ Dann, inmitten seiner Alterszeit, inzwischen ist Goethe schon 64 Jahre alt, passiert etwas Seltsames – es ist der Beginn der Epoche des „West-oestlichen Divan“! Im Herbst 1713 erhält Goethe von einem Soldaten aus Spanien eine kleine arabische Kalligraphie mit dem Text der 114. Sure (mit persischer Umschrift), die ihm Georg Wilhelm Lorsbach (*1752 – †1816) wie folgt übersetzte: „Im Namen Gottes des barmherzigen Erbarmers! Sprich: Ich fliehe zum Herrn der Menschen – vor dem Übel der Einflüsterung des Flüchtlings (des Teufels)“. Völlig begeistert von diesem Text, schreibt Goethe die ersten Verse der „Hegire“ (Hedschra), der Flucht des Propheten von Mekka nach Medina (622), und fügt sie in das erste Kapitel des Divans ein, wie er ihn fortan nennt. Und genau dieses „Fluchtmotiv“ beschäftigt Goethe sein Leben lang. Für ihn ist es eine Flucht – zum Morgenland - anlässlich der Napoleonischen Kriege, die halb Europa – das Abendland - vernichten, für ihn ist es eine Flucht in die frühen Jahrhunderte einer imaginären orientalischen Welt:


Goethes-Arbeitszimmer von Johann Joseph Schmeller (1794-1841), © Goethe Nationalmuseum



„ … Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten; …“


Arabische Schrift aus Carsten Niebuhrs „Beschreibung von Arabien“, 1772, © Herzogin Anna Amalia Bibliothek


Goethes „West-oestlicher Divan“, 1819, © Goethe-Schiller Archiv



Doch schon im Januar 1714 passierte ein zweites „ominöses“ Ereignis in Weimar, das Goethe stark bewegte: Baschkirische Truppen aus dem russischen Uralgebirge, Verbündete Preußens und Russlands gegen Napoleon hielten in einem protestantischen Gymnasium der Stadt einen islamischen Gottesdienst ab, den Goethe besuchte. Mit Bewegtheit schildert er diese für ihn völlig ungewöhnliche islamische Zeremonie in einem Brief an seinem Freund Friedrich Wilhelm von Trebra (*1740 – †1819): „Wer durfte wohl vor einigen Jahren verkünden, dass in dem Hörsaale unseres protestantischen Gymnasiums mahometanischer Gottesdienst werde gehalten und die Suren des Korans würden hergemurmelt werden, und doch ist es geschehen, wir haben der baschkirischen Andacht beigewohnt, ihren Mulla geschaut, und ihren Prinzen im Theater bewillkommt“.
Das Ereignis hatte eine solch starke Wirkung, dass viele der Weimarer Gesellschaft sich spontan den Koran aus der Bibliothek ausgeliehen haben. In Leipzig wurde 2003 zu Ehren der baschkirischen Gefallenen bei der „Völkerschlacht von Leipzig 1813“ ein Gedenkstein errichtet!
Und ein weiterer „Zufall“ führte Goethe zum imaginären Orient, zum „West-oestlichen Divan“ und zu Hafis. Im Februar 1814 bot ihm ein Leipziger Kunsthändler acht arabische, persisch-arabische und türkisch-arabische Manuskripte zum Kauf für die Bibliothek an, die er leitete, ließ sie von Lorsbach prüfen, die er dann später kaufte. Schließlich erhielt er im Mai 1814 von seinem Verleger und Freund Johann Friedrich Cotta (*1764 – †1832) die erste deutsche Übersetzung von Joseph Hammers (*1774 – †1856) zweibändiger Gedichtsammlung des persischen Dichters Hafis (*um 1315 – †um 1390) aus Schiras geschenkt. Goethe war so sehr begeistert von der Dichtkunst Hafis, nannte ihn seinen „Zwilling“, so dass er 1815 in den „Tag- und Jahres Heften“ schrieb:
„Schon im vorigen Jahre waren mir die sämtlichen Gedichte Hafis in der von Hammerschen Übersetzung zugekommen, und wenn ich früher den hier und da in Zeitschriften übersetzt mitgeteilten einzelnen Stücken dieses herrlichen Poeten nichts abgewinnen konnte, so wirkten sie doch jetzt zusammen desto lebhafter auf mich ein, und ich musste mich lange dagegen produktiv verhalten, weil ich sonst vor der mächtigen Erscheinung nicht hätte bestehen können. Die Einwirkung war zu lebhaft, die deutsche Übersetzung lag vor, und ich musste also hier Veranlassung finden zu eigener Teilnahme. Alles was dem Stoff und dem Sinne nach bei mir Ähnliches verwahrt und gehegt worden, tat sich hervor, und dies mit um so mehr Heftigkeit, als ich höchst nötig fühlte mich aus der wirklichen Welt, die sich selbst offenbar und im Stillen bedrohte, in eine ideelle zu flüchten, an welcher vergnüglichen Teil zu nehmen meiner Lust, Fähigkeiten und Willen überlassen war.“ Noch ein weiteres Ereignis ist für den Divan von großer Bedeutung: Am 4. August 1814 lernte Goethe die verheiratete Marianne von Willemer (*1784 – †1860) kennen. Ihr Liebreiz und Ihre Fröhlichkeit erfüllten den 24 Jahre älteren Goethe nach anfänglichen zarten Hinwendungen zu einer leidenschaftlichen Liebe. Sie, Marianne, beflügelte Goethe sicherlich in seinem Schaffensdrang. Schon im Jahre 1814 entstehen 53 Gedichte von ihm, wobei er Hafis als seinen „Dichterberater“ bezeichnet und ihn rühmt:


Jean Gagnier/Christian F. R. Vetterlein „Leben Mohammeds des Propheten“, 1802, © Herzogin Anna Amalia Bibliothek





„Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis, mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns, den Zwillingen, gemein!
Wie du zu lieben und zu trinken
Das soll mein Stolz, mein Leben sein“.


Par M. Prideaux „La Vie de Mahomet…”, 1698, © Herzogin Anna Amalia Bibliothek


Fünf Jahre später, 1819, erscheint der „West-östliche Divan“. Zwei Besonderheiten sind über den Divan zu erwähnen. Da Goethe gemerkt hat, dass sein Publikum vom Orient und dem Koran zumeist nur schlecht informiert war, fügte er seiner Dichtung noch einen erläuternden Teil hinzu, die „Noten und Abhandlungen zu Besserem Verständnis des West-oestlichen Divans“. In diesem Anhang erläuterte er gewissenhaft Begriffe wie: Hebräer – Araber – Ältere Perser – Mahomet - Buch der Parsen – Alt-Testamentliches - Israel in der Wüste – Hafis - und vieles mehr.
Zum anderen fügte Goethe ein einziges Mal Texte einer (fremden) Mit-Autorin (von Marianne Willemer) in seine Texte ein. Doch diese Tatsache verschwieg er sein Leben lang. Es handelte sich um Marianne von Willemer und das „Buch der Suleika“ in Goethes Divan. Diese Gedichte sind ganz auf die gegenseitige Liebe von Marianne und Goethe ausgerichtet. Sie, Marianne, wird in diesen Versen zur Suleika und er, Goethe, wird zu Hatem, zwei Namen aus dem Orient! Ein Zwiegespräch der Liebenden. Nur knapp zwei Jahre, bis 1816, wehrte diese tiefe Liebesbeziehung, die Goethe in seinem hohen Alter nie hat vergessen können. Vielleicht waren es die düsteren Gedanken an den frühen scherzhaften Tod seiner Frau Christiane, geborene Vulpius (*1775 – †1816), die am 6. Juni 1816 nach schwerer Krankheit in Weimar verstarb. Ihr Tod, mag ihn womöglich zum Beenden der Beziehung mit Marianne beeinflusst haben. Bis zu seinem Lebensende blieben er und Marianne in Briefkontakt. Drei Wochen vor seinem Tod, am 22. März 1832, schickte Goethe ihr all ihre Briefe zurück. Es war Hermann Grimm (*1828 - 1901), dem sich Marianne anvertraute, der ihr Geheimnis dann 1850 veröffentlichte. In einem ihrer Gedichte aus dem Buch der Suleika spricht sie von ihrer unerfüllten Liebe zu Goethe (Hatem):


Amīr Šāhīr Sabzawārī (gestorben 1453) “ Divan”, gekauft 1815, © Herzogin Anna Amalia Bibliothek


Ach! um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide:
Denn du kannst ihm Kunde bringen
Was ich in der Trennung leide!

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen;
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bey deinem Hauch in Tränen.

Doch dein mildes sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt' ich vergehen,
Hofft' ich nicht zu sehn ihn wieder.

Eile denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen;
Doch vermeid' ihn zu betrüben
Und verbirg ihm meine Schmerzen.

Sag ihm, aber sag's bescheiden:
Seine Liebe sey mein Leben,
Freudiges Gefühl von beyden
Wird mir seine Nähe geben.“



Entwurf von Johann G.L. Kosegarten (1792-1860) auf Goethes Wunsch hin für die persische Ausgabe seines Divan-Buches „Moganni Nameh. Buch des Sängers“, 1818, wurde nicht realisiert. © Goethe-Schiller-Archiv, Inv.-Nr. 25/W 1107

Die Ausstellung zeigt 75 Abbildungen, die die Auseinandersetzung Goethes mit der imaginären Reisen in den Orient zeigen.

 


Graf de Boulainvilliers „Prospect des Tempels zu Mecca“. Beilage zu „Das Leben des Mahomeds…“ 1747, © Herzogin Anna Amalia Bibliothek

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